Jürgen Blaser im Interview

Jürgen Blaser, Dozent für tropische Forstwirtschaft und Klimawandel an der HAFL, über den Studienschwerpunkt «Internationale Wald- und Holzwirtschaft» und die Zukunft des Waldes.
 

Erster Teil des Interviews: «Forstspezialisten müssen mit dem Klimawandel umgehen können»

 

Zweiter Teil des Interviews: «Es wird mehr Wald brauchen und haben»

«Forstspezialisten müssen mit dem Klimawandel umgehen können»

Der noch junge Studienschwerpunkt «Internationale Wald- und Holzwirtschaft» im Masterangebot der HAFL setzt auf eine der grossen Herausforderungen der Zukunft: die globale Waldbewirtschaftung. Themen wie Wald und Klima liegen voll im Trend. Wie wirkt sich das aufs Studium aus?

Jürgen Blaser: Es ist eine einmalige Chance und gleichzeitig auch eine grosse Verantwortung für die HAFL als Institution. Denn der Klimawandel betrifft nicht nur den Wald, sondern auch die Landwirtschaft. Wir bilden heute die Generation aus, die später in ihrem Beruf direkt mit diesen Herausforderungen konfrontiert sein wird. Das heisst, wir müssen ihnen im Studium – auch im Bachelor – das nötige Rüstzeug dafür mitgeben, dass sie Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel meistern können. Unser Studienschwerpunkt beschäftigt sich aber nicht nur mit Wald und Klima. Ein weiteres grosses Thema sind die Ökosystemleistungen, die der Wald erbringt. Das dritte Thema ist die Produktion des Rohstoffs Holz. Er wird – als praktisch einzige nachhaltig produzierte Ressource – immer wichtiger werden. Diese drei grossen Themen gehören zusammen. Sie sind sehr aktuell und werden es auch in 200 Jahren noch sein.
   

Wie steht es mit der Forschung an der HAFL auf diesen Gebieten?

Sowohl das Bundesamt für Umwelt BAFU wie die Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL haben hier Schwerpunkte gesetzt. Auch im internationalen Umfeld setzt man bei der Klimafrage in den Verhandlungen stark auf den Wald – zum Beispiel mit dem UN-Klimaschutzinstrument REDD+ «Verringerung von Emissionen aus Entwaldung und zerstörerischer Waldnutzung». Das eröffnet uns vielfältige Möglichkeiten für die Forschung. Ausserdem kann ich als Mitglied der Schweizer Bundesratsdelegation Klimawandel die Verhandlungspositionen und Entscheide in Bezug auf Wald und Klima direkt wieder einbringen – im Unterricht und in Forschungsprojekten. Mit Unterstützung des BAFU erarbeiten wir zum Beispiel ein regionales Monitoringsystem für den Wald in Westafrika. Hier haben unsere Studierenden einen grossen Vorteil: Sie können ihre Master- oder Forschungsarbeit in solchen Programmen durchführen. Der Studienschwerpunkt ist zwar erst im Aufbau, wir sind aber ziemlich gut positioniert.
        

Sie gehen von einem Zukunftsszenario aus, bei dem Forstspezialist/innen in vielen Bereichen eine wichtige Rolle spielen werden.

Die Generation, die wir heute ausbilden, wird sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie der Wald auf grosse Veränderungen reagiert. Bezogen auf die Schweiz heisst das, die  Ökosystemleistungen des Waldes bewerten und mit dem Klimawandel umgehen können. Zum Beispiel: Welche Baumarten oder Provenienzen muss ich wählen, wenn ich den Wald erneuere? Welches Waldbausystem brauche ich, damit der Wald in Zukunft stabil ist? Wie kriegen wir es hin, dass der Schutzwald in der Schweiz langfristig seine Funktion erfüllen kann? Hinzu kommt, dass der Druck auf den Wald deutlich zunehmen wird, weil in der Schweiz immer mehr Menschen leben. Heute verlieren wir als Folge der Verstädterung landwirtschaftliches Land. Der Wald ist von der Verfassung zwar stark geschützt. Aber die soziopolitischen Fragen werden auch auf den Wald zukommen. Darauf müssen sich die künftigen Spezialisten einstellen.
   

Welche Kompetenzen – neben den fachlichen - werden besonders gefragt sein?

Schon heute müssen die Fachleute viel mehr Verständnis für die gesellschaftlichen Entwicklungen haben, als dies bis vor Kurzem der Fall war. In Zukunft werden die Forstspezialist/innen zusätzlich Fachwissen in Coaching, Kommunikation, Konfliktbewältigung und Vermittlung zwischen den verschiedenen Anspruchsgruppen brauchen.

«Es wird mehr Wald brauchen und haben»

Für die weltweiten Waldbestände prognostizieren Sie bis 2050 eine weitere Abnahme, dann sollen sie wieder deutlich zunehmen. Ist das nicht sehr optimistisch?

Das ist kein plötzlich eintretendes Ereignis, sondern ein dynamischer Prozess. In absoluten Zahlen nimmt der Wald heute zwar weltweit ab - vor allem in grossen Schwellenländern wie  Indonesien und Brasilien, die stark entwalden und auf diesen Flächen Soja, Fleisch oder Palmöl produzieren. In rund 60 Ländern nimmt er aber zu. Dabei handelt es sich hauptsächlich um kleine, bisher waldarme Länder. Denn wo Wald rar ist, erkennt man teilweise die wichtigen Funktionen der wenigen vorhandenen Wälder. Man trifft Schutzmassnahmen oder forstet auf, um die Ökosystemleistungen des Waldes für Wasser und Boden zu erhöhen. Vietnam und Malaysia zum Beispiel sind Länder, die von der Entwaldung auf Bewaldung wechseln. Beide Staaten haben sich wirtschaftlich entwickelt. Damit nimmt der armutsbedingte Druck auf den Wald ab. Hinzu kommen die west- und osteuropäischen Staaten, in denen der Wald zunimmt, weil in Randregionen die Landwirtschaft die weniger produktiven Wirtschaftsflächen aufgibt und der Wald wieder nachwächst.

 
Und was ist mit der Zunahme der Weltbevölkerung? Damit steigt der Druck auf den Wald doch auch global.

Tatsächlich hängt die heutige Entwicklung stark mit der Zunahme der Weltbevölkerung zusammen. Man geht jedoch davon aus, dass das Bevölkerungswachstum mittelfristig abflacht – aus vielen Gründen. Wenn nichts Unvorhersehbares eintritt, wird sich die Bevölkerung bis 2050/2070 bei rund 9 bis 10 Milliarden Menschen stabilisieren. Weiter muss man in die Bilanz mit einbeziehen, dass es  immer mehr Menschen gibt, die auch höhere Ansprüche haben.


Und somit mehr Ressourcen brauchen.

Das ist ein weiterer Grund für die mittel- bis langfristige Zunahme des Waldes: Unsere Abhängigkeit von nicht erneuerbaren Ressourcen ist laufend gestiegen. Um unsere Lebensqualität zu erhalten, werden wir sie durch erneuerbare Rohstoffe ersetzen müssen – vor allem durch Fasern. Wenn wir an Wald denken, denken wir automatisch ans Produkt Holz. Aber es gibt viele weitere Produkte aus dem Wald, die auf Holz oder holzartigen Rohstoffen wie Bambus und Rattan basieren: Fasern für Textilien, Fasern für die Nanotechnologie etc. Praktisch alles, was heute aus Erdöl hergestellt wird, kann man aus Fasern produzieren. Das bedeutet, dass die Nachfrage nach Produkten, die aus dem Wald stammen, zunimmt. Alles geht klar in die Richtung, dass man in Zukunft mehr Wald brauchen und haben wird.

 
Die Ressourcenfrage wird offenbar so gelöst: Plantagenwälder statt Naturwald, um die nötigen Produkte herstellen zu können.

Das muss man in Relationen sehen. Heute gibt es weltweit 3,6 Milliarden Hektar Naturwald und rund 400 Millionen Hektar Aufforstungen. Das heisst, rund 90 Prozent sind Naturwälder und 10 Prozent Aufforstungen, davon ein Teil Plantagen. Wenn es vermehrt Plantagen geben wird, werden es nicht grosse, sondern kleinere Flächen mit sehr intensiver Bewirtschaftung sein. Flächenmässig bedeutsamer ist, dass der nicht bewirtschaftete Naturwald stark abnehmen wird zugunsten von Wäldern, in die der Mensch eingreift, um deren Stabilität und Produktionskapazitäten zu sichern.


Was bedeutet das?

Die Klimaerwärmung wird sich auf den Wald sehr stark auswirken. Es drohen Feuersbrünste, Windschäden, Zerstörung durch Schädlinge und Krankheiten. Der Wald wächst zwar nach – aber er wird anders sein. Damit diese als Sekundärwälder bezeichneten Wälder weiterhin ihre Funktionen ausüben können, werden wir Menschen den Wald unter den veränderten Bedingungen intensiv managen müssen. Solche Wälder sind zwar naturnah, aber vom Mensch stark beeinflusst. Den Forstspezialisten geht also die Arbeit nicht aus.

 

Interview: Gaby Allheilig

Weitere Informationen

 

Forests in the next 300 years (pdf) 

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